10. Dezember 2022

Protastik – Protas auf Abwegen 13.10.2022

Jeden Sonntag veröffentlichen Anke BeckerLucas Snowhite und Christina Marie Huhn eine neue Aufgabe für ihre #Protastik-Challenge. Am darauffolgenden Donnerstag werden dann die Geschichten dazu gepostet. 

Unseren Beitrag findet ihr ebenso Hier


Nach einem anstrengenden Tag mit Experimenten in ihrem Labor, brauchte Kagome dringend etwas frisches, warmes Blut, um ihre Reserven aufzufüllen.
Schnell hatte sie sich für eine Ecke aus ihrer alten Heimat, damals, als sie noch ein Mensch gewesen war, entschieden. Ein Viertel, das sie stets gemieden hatte, da es berüchtigt für seine Überfälle war. Doch heute würde sie nicht Gefahr laufen, das Opfer zu werden. Heute war sie selbst das Raubtier.
Die Kapuze ihres Hoodiekleides tief ins Gesicht gezogen schlenderte Kagome durch die spärlich beleuchtete Gasse. Sie fand es noch immer faszinierend, wie hell das Licht ihr als Vampir erschien, während sie mit menschlichen Augen kaum etwas hätte erkennen können, das weiter als zwei Meter entfernt war.
Um diese Uhrzeit lagen die meisten Leute zuhause in ihrem Bett, oder feierten in der nahegelegenen Dorfdiscothek. Nur wenige trieben sich noch auf den Straßen herum – zum Beispiel einige Jugendliche, die sich unter der Brücke versammelt hatten, die Kagome  gerade überquerte. Der verzerrte Klang von Musik aus billigen Bluetooth-Lautsprechern drang zu ihr nach oben. Leider hatte das verbesserte Gehör eines Vampirs den Nachteil, dass man die Qualität dieser Boxen nicht mehr so einfach als ›gut genug‹ empfinden konnte.
Sie lief noch einige Zeit die Straßen auf und ab, ehe sie Schritte hinter sich hörte.
Ein einfacher Passant?
Oder jemand der in ihr ein leichtes Opfer sah?
Das würde sich schnell herausfinden lassen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie bei schlechten Menschen weit weniger Skrupel, auch wenn sie ihre Opfer nie tötete.
Sie bog in die nächste Sackgasse und presste sich an die Wand. Wie sie erwartet hatte, bog der Unbekannte – ein Mann, wie sie nun sehen konnte – ebenfalls um die Ecke.
Spärliche, kurze Haare, welche bereits ergrauten, ließen den Mann älter aussehen. Im krassen Gegensatz dazu jedoch, war kein Fältchen in seinem Gesicht zu sehen. Sie war schon immer schlecht darin, Alter zu schätzen, doch dieser gegensätzliche Anblick ließ überhaupt keine Einschätzung zu.
Doch das war ohnehin unerheblich. Schließlich wollte Kagome nicht mit ihm flirten, sondern nur trinken. Sie konzentrierte sich darauf seinen Willen zu manipulieren. »Guten Abend, es sieht aus als habe ich mich ein wenig verlaufen, können Sie mir helfen?«
Gleichzeitig versuchte sie ihn verführerisch anzusehen. Sie durfte noch nicht lange allein auf die Jagd und tat das auch nicht sehr oft, von daher war sie noch immer etwas angespannt.
Der Fremde lächelte sie an. »Natürlich.«
Nervös trat Kagome näher und schlang die Arme um seinen Hals. Schnell sandte sie ihm ein Bild von ihnen beiden wie sie sich küssten in seinen Verstand als sie sich vorbeugte, um ihre Zähne in seiner Schlagader zu versenken.
»Das würde ich an deiner Stelle lassen«, riet ihr eine ruhige Stimme, ohne jeglichen bedrohlichen Tonfall. Dennoch mahnte sie ihr Instinkt, dass es keinesfalls so freundlich gemeint war, wie es klang. Sie drehte sich zu dem Sprecher um. Warum hatte sie nicht gehört, wie er sich genähert hatte? Mit ihren verbesserten Sinnen hätte es ihr nicht entgehen dürfen.
Der Mann trug eine verschlissene Jeanshose. Und nur die. Sein Oberkörper war textilfrei und wies einige verblasste Narben auf. Ebenso war der Mann barfuß. Während ihr Hirn diese Informationen verarbeitete trug der aufkommende Wind eine weiteren nicht weniger wichtigen Hinweis zu ihr. Dieser widerliche Geruch…
Er war ein Lykaner!
Sie hatte ihn noch nie gesehen und dennoch rief er ein überaus beklemmendes Gefühl in ihr hervor: Wenn sie einmal falsch zwinkerte würde sie sterben.
Leider versperrte der Werwolf ihr den Fluchtweg. Sie glaubte kaum, dass sie in der engen Gasse schnell genug davon fliegen könnte. Normalerweise war sie nicht so sehr auf den Mund gefallen, doch gerade versagte ihr massivst die Stimme.
»Siehst du die Kette um seinen Hals?«, fragte der Unbekannte und klang dabei, als spräche er mit einem Kleinkind, »Sie ist ein Hinweis, dass er zum hiesigen Rudel gehört, somit unter unseren Schutz steht und für euch Blutdiebe tabu ist! Das sollte man einem Baby wie dir eigentlich an eurer ach so großartigen Schule beigebracht haben.«
Offenbar erwartete er keine Erwiderung sondern machte eine wegwerfende Handbewegung. »Merke dir das Symbol besser gut!«
Automatisch warf Kagome einen Blick auf die bronzene Kette auf der ein silbriger Sichelmond abgebildet war und einige Kratzer die wohl  Spuren von Wolfskrallen nachbilden sollten.
»Folge mir«, forderte der Lykaner jetzt und drehte sich um, ohne darauf zu achten, ob sie seinem Befehl Folge leistete. Warum genau Kagome letztlich gehorchte, konnte sie selbst nicht einmal recht beantworten, aber etwas an seiner Art sorgte dafür, dass sie nicht wagte es nicht zu tun.

Ihr Opfer war schnell vergessen. Der Mann führte sie aus der Stadt heraus zu einem Haus, welches von viel Grünfläche umgeben war. Als sie sich umsah, entdeckte sie einige große Hunde, oder wohl eher Wölfe, wenn sie bedachte wem sie da folgte.
Kagome schluckte und war bemüht leise zu sein in der absurden Hoffnung, dass er sie vergaß und sie sich baldmöglichst in Sicherheit bringen konnte.
Sie versteifte sich reflexartig, als ihr Führer sich unvermittelt zu ihr umdrehte und sein Blick etwas an ihrer Seite fixierte. Kagome schielte neben sich um herauszufinden, wem oder was seine Aufmerksamkeit galt, doch mehr als eine Hecke konnte sie nicht sehen. Dann entfuhr ihr ein erschrockener Schrei, als mit einem Mal zwei Welpen daraus hervorsprangen, abrupt vor dem Mann stoppten, mit angelegten Ohren und leicht geduckt an ihm vorbeischlichen und dann davonsprinteten.
Zwei silbergraue Wölfe kamen zu ihnen, flankierten Kagome und gaben ihr noch mehr das Gefühl sich auf ein Schafott zuzubewegen.
Auch auf dem weiteren Weg standen sie unter ständiger Beobachtung und sie war beinah froh, als sie das Haus betraten. Aber nur beinah …
»Hol unserem Gast doch bitte etwas zu trinken.« Die Anweisung ihres ›Gastgebers‹  ließ sie zusammenzucken. Sie wusste, dass Lykanerblut reines Gift war und sie bezweifelte, dass diese Blutkonserven lagerten. Soweit sie es gelernt hatte, aßen Lykaner normal wie Menschen. Vielleicht ein wenig mehr Fleisch.
Das Kratzen von Holz auf Holz holte sie aus ihren Gedanken und sie sah dabei zu wie der Lykaner einen Stuhl zurückzog. „Setz dich!“
Erneut gehorchte sie. Kurz darauf wurde ihr ein Glas mit Blut hingestellt. Vorsichtig roch sie daran. Doch alles um sie herum stank so stark nach Wolf, dass sie sich nicht sicher war, was man ihr da für Blut vorgesetzt hatte.
»Du misstraust mir wohl unhöflicherweise«, stellte ihr Gegenüber lächelnd fest und ließ Kagome im ungewissen, ob er wütend darüber war oder sich darüber amüsierte. »Keine Sorge, wenn ich dich töten wollte, würde ich eine schnellere Methode wählen.« Ihm wurde ein Steak serviert und ein Glas Wein eingegossen und er begann in aller Seelenruhe zu essen.
»Oder ich würde dich von den Welpen zu Tode hetzen lassen. Das wäre eine gute Übung für sie«, sprach er im Plauderton »Trink!«
Mit zittrigen Fingern griff Kagome das Glas und trank. Das Blut war warm und fühlte sich angenehm an. Sie war sich sicher das es von einem Menschen war und ziemlich frisch dazu.
Oder war es sogar von einem Vampir? Sie trank selten frisches Menschenblut und Vampirblut hatte sie nur bei ihrer Verwandlung zu sich genommen und konnte somit nicht mit Sicherheit sagen, wie deutlich man einen Unterschied schmeckte.
Ihr Gegenüber lachte. Was auch immer ihn so amüsierte. Sie selbst konnte nichts Witziges an ihrer Situation finden.
Die Tür in ihrem Rücken schlug auf und ließ sie zusammenzucken, doch sich umzudrehen wagte sie nicht.
»Was willst du, Lycos? Ich bin keiner deiner Schoßhündchen, die du jederzeit zu dir zitieren kannst!«
Sofort erkannte Kagome Andrés Stimme und eine Welle der Erleichterung überrollte sie, auch wenn sie einen so ungehaltenen Tonfall von ihm überhaupt nicht kannte.
Lycos legte sein Besteck beiseite und sah an Kagome vorbei zu André. »Und dennoch bist du hier«, kommentierte er, noch immer mit diesem viel zu gelassenen Lächeln im Gesicht. Dann jedoch wurde seine Stimme deutlich ernster und ließ Kagome erschaudern.
»Deine Schülerin wollte sich an einem Menschen der zum Rudel gehört vergreifen. Sie kann sich überaus glücklich schätzen, dass ich ihr die Gnade gewährt habe, sie von dieser Dummheit abzuhalten und ihr sogar meine Gastfreundschaft zuteil werden ließ. Du darfst sie wieder mitnehmen und solltest besser auf deine Spielzeuge aufpassen und vor allem solltest du ihnen die Spielregeln beibringen!«

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