23. Februar 2024

Protastik – Protas auf Abwegen 16.02.2023 Ferra

Jeden Sonntag veröffentlichen Anke Becker und Christina Marie Huhn eine neue Aufgabe für ihre #Protastik-Challenge. Am darauffolgenden Donnerstag werden dann die Geschichten dazu gepostet.

Unseren Beitrag findet ihr ebenso Hier und Hier(Teil2)+Bonus


Die Wetterlage meinte es heute nicht sehr gut mit Ryan. Es war ein schöner Spätwintertag, lediglich ein paar vereinzelte Schönwetterwolken zogen über den blauen Himmel. Einzig den beständigen Wind mochte der eine oder andere als unangenehm empfinden.
Letzterer war es auch, der Ryan heute nervte. Jedoch nur, weil er dazu beitrug, dass die laute Kapellenmusik eines Rosenmontagsumzugs aus dem nächsten, durchaus ein gutes Stück entfernten Ort, zeitweise auch noch bei ihm zuhause, als dumpfes Dröhnen, zu hören war.
›Als ob man mit diesem Lärm tatsächlich den Winter vertreiben könnte…‹, dachte sich Ryan kopfschüttelnd.
Mittlerweile war es später Nachmittag und die kläglichen Überreste von schlechter Musik wurden weniger – was sicher nicht daran lag, dass in der Stadt der Menschen Ruhe einkehrte, aber das kümmerte Ryan nicht, solange er nur seine hatte. Ans Jagen oder Ähnliches war in diesen Tagen nicht zu denken, wenn man nicht auf Alkohol mit Blut aus war. Also würde er, sobald die Sonne untergegangen war, anfangen, seinen Garten langsam wieder auf den Frühling einzustimmen.
Er war gerade dabei, schonmal alles vorzubereiten, als er Stimmen aus seinem Garten hörte. Ryan runzelte die Stirn. Er hatte das Eisentor ganz sicher verschlossen. Er schob den dicken Vorhang vor der Glastür zu seinem Wintergarten ein Stück zur Seite und sah sich draußen um. Drei Gestalten schoben sich in sein Blickfeld – alle mit unterschiedlichen, aber gleichergestalt grotesken, Holzmasken.
Einer der ungebetenen Gäste, mit einer Art schwarz-gelbem Kleid und einer Holzmaske, die mit Hakennase und jeder Menge Federn verziert war, stolperte gerade über einen Stein der Wegeinfassung, strauchelte, fiel dann geradewegs in seine Schneewittchen-Rosen. Sehr zur Belustigung eines weiteren, der einen schwarzen Rock mit einem roten Flammenmuster am Saum trug und dessen Maske lange blonde Zöpfe und ein rote Tuch über dem Kopf zierte. Ryan hingegen fand das Schauspiel alles andere als lustig. Das besserte sich auch nicht, als der Blondschopf seinen Kollegen erfolglos wieder auf die Beine ziehen wollte, dabei selbst das Gleichgewicht verlor, ein paar Schritte rückwärts stolpert und gegen eine alte Teracottavase stieß, die daraufhin bedenklich wackelte. Auch der Versuch des Narrs, sie noch aufzufangen bewahrte das gute Stück nicht davor, von ihrem kleinen Podest zu fallen und mit einem Klirren zu Bruch zu gehen. Lediglich der dritte im Bunde, eine Gestalt in rot und schwarz, mit Glöckchen an der Hose, einem schwarzen Umhang, roter Teufelsmaske und einem lächerlichen Plastikdreizack stand nur untätig daneben und betrachtete das Szenario.
Ryan hatte die Schnauze voll, riss seinen dicken Sonnenumhang vom Haken, warf ihn sich über und ging nach draußen. »Fällt fremde Gärten zernichten neuerdings unter Narrenfreiheit oder was treibt euch Trottel hier her?«, rief er ihnen schon von weitem zu und zog so schlagartig die Aufmerksamkeit der ungebetenen Gäste auf sich.
»´schuldigung, das war `n Unfall«, lallte der Blondschopf und deutete auf die kaputte Vase. »Werd dir ne Neue kaufen!«, beteuerte er.
Ryan sah ihn unter der dunklen Kapuze heraus bissig an. Die Erklärung, dass diese Vase weit über 100 Jahre alt gewesen war, sparte er sich. Dieses betrunkene Etwas, das in diesem Zustand nicht mal mehr als Snack taugte, würde es ohnehin nicht begreifen. Stattdessen wandte er sich an den gefiederten Vollidioten. »Beweg deinen hässlichen Geierarsch aus meinen Rosen, bevor ich nachhelfe!«, knurrte er und machte einen drohenden Schritt auf den Angesprochenen zu, als der Teufel sich ihm in den Weg stellte. »Tut uns wirklich leid. Das Tor stand offen und wir wollten uns nur … mal kurz umsehen«, versuchte eine Frauenstimme zu beschwichtigen, während der Geierarsch sich, ebenfalls eine Entschuldigung murmelnd, wieder auf die Beine stemmte und dabei auch den kläglichen Rest des gepeinigten Rosenbusches aus der Erde riss.
Ryans Blick verfinsterte sich zusehends und er hätte die 3 Narren am liebsten augenblicklich zu Dünger verarbeitet. Allerdings würden sie vermutlich bald von ihren Zünften vermisst werden, was einen Rattenschwanz an lästigen Nachforschungen der Menschen zur Folge hätte. Ganz abgesehen davon wollte er seinen Pflanzen diese Mengen an Alkohol keinesfalls zumuten. Es musste also eine andere Lösung her. Wie auf´s Stichwort hob der Blondschopf jetzt auch noch seine Maske an und kotzte geradewegs in eines von Ryans Beeten.
›Jetzt reichts!‹, entschied Ryan im Stillen und wollte dem Dreiergespann schon einen sehr unsanften Rauswurf bescheren, als ihm eine bessere Idee in den Sinn kam.
»Der ganze Alkohol bekommt dir wohl nicht«, stellte er kühl fest. »Kommt, ich habe da etwas Gutes für den Magen«, lud er die Truppe also ein und ging voraus in Richtung Wintergarten. Dabei versuchte er nicht einmal, freundlich zu klingen. Unter seinem Einfluss würden sie seine plötzliche Meinungsänderung ohnehin nicht hinterfragen. Der Geierarsch schloss zu ihm auf.
»Was willst du eigentlich darstellen?«, lallte er ihm von der Seite zu und selbst durch die Maske schlug Ryan der Alkoholgestank entgegen. Der Fremde zupfte an seiner Kapuze. Ryan packte grob dessen Handgelenk. »Einen den man besser nicht anpackt!«, knurrte er.
»AU! Scheiße Alter, is ja schon gut! Sorry«, entgegnete der Narr und ließ augenblicklich von dem Stoff ab.
Einladend öffnete Ryan dem Trio die Tür zum Wintergarten. »Setzt euch. Und versucht dabei, nicht noch mehr zu vernichten«, sagte er und deutete in eine etwas abgedunkelte Ecke, die das restliche Sonnenlicht nicht mehr erreichte.
Ryan zog einen verstaubten, kleinen Gaskocher aus einem Schrank und erhitze in einem, ebenso staubigen, kleinen Topf etwas Regenwasser. Dann zog er zielstrebig ein Glas aus einem Regal, in dem er unter anderem getrocknete Kräuter und Ähnliches lagerte und verteilte etwas von dem Inhalt in 3 Gläser.
Selbst getrocknet dufteten die Blüten der Engelstrompete noch herrlich. Einen Moment überlegte er, ob die Menge wohl schon mehr war, als ein Mensch verkraften konnte, dann zuckte er mit den Schultern und krümelte noch ein wenig mehr der getrockneten Blätter in die Gläser, ehe er sie mit dem heißen Wasser aufgoss und sie den Narren reichte. »Hier, das hilft sicher gegen die Übelkeit«, versprach er. Nicht ohne die Menschen dabei ein wenig zu manipulieren. Sicher war sicher.
Blondschopf und Geierarsch legten ihre Masken ab, nahmen dankbar die Gläser entgegen und tranken, während auch die letzten Sonnenstrahlen sich langsam verabschiedeten.
Nur der Teufel trank nicht.
Ryan zog ebenfalls seine Kapuze ab und schenkte ihm, oder besser ihr, ein provokantes Lächeln. »Na? Nicht durstig?«
»Wow! Sieh dir das an!«, rief in diesem Moment der Blondschopf, dem es scheinbar wieder deutlich besser ging, winkte seinen Kumpel zu sich und zeigt durch den halb geöffneten Vorhang in den Nebenraum, der Ryans Waffensammlung beherbergte.
»Wahnsinn. Was bist du? Ein Schaukämpfer oder sowas? Oder einfach nur ein Sammler?«, fragt der zweite Narr ehrlich beeindruckt und interessiert.
Ryan zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Auftragskiller«, erwiderte er trocken. Das traf seine Berufsbeschreibung zwar nicht in Gänze, aber es war zumindest nah dran.
Für einen Moment starrten Blondschopf und Geierarsch ihn entsetzt an, dann begannen sie lauthals zu lachen. »Ohje, dann haben wir wohl beim Falschen Blumen kaputt gemacht«, feixte einer und stieß seinem Kumpel in die Seite, dieser nickte. »Ja, das war´s dann wohl. War schön mit euch«, stimmte er theatralisch zu, dann brachen sie erneut in Gelächter aus.
Nur der Teufel lachte nicht mit.
Als sie sich wieder beruhigt hatten, klopfte der Blondschopf Ryan auf die Schulter. Besser, er setzte dazu an, ließ es dann aber doch bleiben. »Hi, tut uns ehrlich leid. Wir ersetzen dir alles, was kaputt gegangen ist«, erklärte er, diesmal deutlich ernster.
Der Geierarsch drückte ihm einen Zettel mit einer Telefonnummer und einer eMail-Adresse in die Hand. »Auf jeden Fall. Meld dich einfach hier und sag uns, was du bekommst, ja?«, stimmte er zu, dann bedankten sie sich für den Tee und verabschiedeten sich.
Nur der Teufel blieb noch. »Ich komm gleich nach, trinke nur noch aus«, sagte sie. Die anderen beiden grinsten, warfen nochmal einen Blick zu Ryan, zwinkerten ihrer Begleitung zu und gingen dann. Kaum das sie draußen waren, nahm auch der Teufel endlich seine Maske ab.
»Habe ich diesen lästigen Besuch dir zu verdanken?«, fragte Ryan, wenig überrascht.
Die Frau lachte. »Womöglich? Komm schon, sei nicht so eine Spaßbremse. Ihr Vampire seid manchmal wirklich spießig.«
Ryan rollte mit den Augen. »Nur, weil wir uns nicht zu solchem Unsinn hinreisen lassen? Seit wann frönst du eigentlich diesem Schwachsinn?«
»Sagen wir, es ist hin und wieder ganz amüsant. Immerhin vertreten die netten Teufelchen eine Geschichte, bei der die Menschen wie so oft eine der ihren für etwas gestraft haben, was sie gar nicht zu verantworten hatte…«
»Und damit eine von Euersgleichen, wie so oft, davon gekommen ist. Jaja, ich kenne die Geschichte«, winkte Ryan ab.
»Schade eigentlich, dass heute kaum mehr einer von denen an uns glaubt, findest du nicht? Als würde vergessen unsere Existenz beenden«, plauderte die Frau weiter.
»Würde jedes Mal wenn man ›ich glaube nicht an Hexen‹ ausspricht eine von euch tot umfallen würde, täte ich einen ganzen Tag lang nichts anderes…«, murrte Ryan. »Komm zum Punkt! Was willst du Arsenne?«, verlangte er dann zu erfahren. »Falls du Blut willst, das kannst du vergessen!«
Die Oberhexe lächelte im zu, aber in ihrer Stimme klang etwas Mahnendes mit. Ein unausgesprochenes ›leg dich besser nicht mit mir an‹: »Nicht doch so mürrisch. Keine Sorge, ich will dein Blut nicht.«, erklärte sie und deutete auf das Glas in ihrer Hand. »Aber wenn du schon so nett fragst, hast du hiervon noch etwas? Das könnte ich tatsächlich ganz wunderbar für den ein oder anderen Trank nutzen.«

Mit einem kleinen Beutel voll getrockneter Blüten verschwand schließlich auch endlich die Oberhexe. Bis sie ihre Begleiter wieder eingeholt hatte, würden diese ziemlich sicher mit ganz anderen Dingen kämpfen, als mit ein wenig harmloser Übelkeit.
Zufrieden mit diesem Wissen räumte Ryan die übrigen ›Kräuter‹ wieder weg und kümmerte sich um seinen ramponierten Garten.

 

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F.Drewes

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