30. September 2022

#Protastik Protas auf Abwegen 17.03.2022

Jeden Sonntag veröffentlichen Anke BeckerLucas Snowhite und Christina Marie Huhn eine neue Aufgabe für ihre #Protastik-Challenge. Am darauffolgenden Donnerstag werden dann die Geschichten dazu gepostet. 

Unseren Beitrag findet ihr ebenso Hier


Unfähig mich zu rühren, funkelte ich die Hexe wütend an. Sie musste mächtig sein, wenn sie einen Vampir meiner Stärke mit einer einfachen Handbewegung lähmen konnte. Aber lange konnte sie das sicher nicht aufrechterhalten und dann würde sie meine Klinge zu spüren bekommen! Warum hatte die sich überhaupt eingemischt?
„Die Bestrafung dieser Junghexe obliegt mir und du gehst brav nach Hause“, erläuterte die Unbekannte ruhig.
Pah! Anweisungen von einer Hexe befolgen, soweit kam es noch! „Vergiss es!“, zischte ich und versuchte weiter, gegen ihren Zauber anzukommen. Vergeblich.
„Tze, tze, tze, das war keine Bitte kleines Kätzchen.“
Kätzchen? Hatte dieses Miststück mich gerade ernsthaft Kätzchen genannt?
„Du magst ja alt sein und dich für mächtig halten, aber an mir brichst du dir nur die Krallen“, fügte die Hexe selbstüberzeugt hinzu, dann wandte sie sich der anderen zu. „Husch husch, wir gehen.“
Ein seltsames Kribbeln erfüllte meinen Körper. Schwächelte ihr Zauber endlich?
Kleinlaut folgte die Junghexe ihr aus dem kleinen laborähnlichen Raum.
„Hey! Kommt sofort zurück!“, fauchte ich und bemühte mich mit aller Kraft darum, endlich wieder Herr über meinen Körper zu werden, doch als mir das endlich gelang, waren die beiden schon zu weit weg, um ihre Auren noch wahrzunehmen.
Wütend stapfte ich ins Freie. Eine Woche war ich diesen verfluchten Jägern gefolgt, bis sie mich endlich zu ihrem Versteck geführt hatten und nun war sie dahin, die Chance auf Antworten. Vorerst. Wenigstens die Jäger selbst waren erledigt.
Wieder dieses widerliche Kribbeln, als würden zig kleine Tierchen unter meiner Haut herumkriechen. Waren das Nachwirkung des Lähmungszaubers? Ich rieb mir über die Haut. Wie ich dieses Hexenpack verabscheute. Das Jucken wurde beinah unerträglich. Erst, als ich mich mit der Hinterpfote hinter dem Ohr kratzte ließ es endlich… Ich stockte.
Moment. Pfote?
Irritiert sah ich an mir herunter – auf nachtschwarze Tatzen. Scheiße!
Mit einem mulmigen Gefühl schlich ich zu einer Pfütze, die ich in der Nähe entdeckte und als ich es wagte hineinzusehen, sah ich darin die wage Silhouette einer Katze. Ich stolperte ein paar Schritte rückwärts.
Exsecrata merda! Wenn ich dieses rothaarige Miststück in die Krallen…  Finger bekomme!, fluchte ich in Gedanken und beschloss im Stillen, dass es bald eine Hexe weniger geben würde. 
Vorerst hatte ich jedoch andere Probleme. Ich war irgendwo im Nirgendwo, konnte nicht fliegen und der Tag würde jeden Moment anbrechen. Ob ich in dieser Gestalt wohl sonnenfest bin?, überlegte ich, beschloss aber schnell, dies besser nicht auszuprobieren. Wenigstens war ich allein hier, ohne jemanden der dieses Desaster weitertratschen konnte. Mein letzter Orientierungspunkt war eine Gebirgskette, die nicht allzu weit entfernt war. Auf diese steuerte ich nun zu.
In einem Gebirge waren Felsen, in Felsen waren Höhlen und….
Ein Schloss. Ich erstarrte. War das möglich? War ich wirklich so sehr darauf fixiert gewesen, der Spur der Jäger zu folgen, dass mir dieses Detail entgangen war?
„Verlaufen?“
Mit einem erschrockenen, und ungewollten, Fauchen und einem Satz fuhr ich herum, als die dunkle Stimme hinter mir erklang, die mir leider erschreckend bekannt vorkam.
Dracula. Na wundervoll.
Mitten im Nirgendwo, als Katze, von einer Hexe überlistet und ich begegnete ausgerechnet Dracula.
Von hier unten sah er noch beeindruckender aus, als er es ohnehin schon tat. Die langen Beine in der eleganten schwarzen Stoffhose, ein einfaches Hemd mit dunkler Weste und seine langen Haare, die locker über seine Schultern fielen…
Hör auf ihn anzustarren, verschwinde lieber!, ermahnte ich mich selbst, aber da hatte er sich bereits heruntergebeugt und hob mich hoch. Obwohl mein Verstand alles dafür tat, um zu widersprechen, konnte ich mich dem wohligen Gefühl, als seine Finger sich in mein Fell gruben nicht erwehren. Allerdings nicht lange, den im nächsten Moment hüllte er uns in dunklen Nebel und mich überfiel das beklemmende Gefühl mich selbst zu verlieren.
Im nächsten Moment standen wir in einem fensterlosen Raum, der aussah, als hätte man ihn direkt aus dem Felsen gehauen. Ich hatte jeden einzelnen Muskel angespannt und setzte Schattenschreiten auf eine gedankliche ‚brauche ich nicht noch einmal‘- Liste. Erst als ein dezenter Geruch von Blut mir in die Nase stieg bemerkte ich, dass ich meine neuen Krallen in Draculas Hemdärmel und Haut versenkt hatte. Mit einem schnelle Satz sprang ich von seinem Arm und landete wenig elegant und sehr unkatzenhaft auf einem Sofa.
Ein seltenes Lächeln zeichnete sich in seinem Gesicht ab, ehe auch er sich setzte und sich einigen Schriftstücken zuwandte, die auf dem Tisch vor ihm lagen.
Ich rückte unterdessen ganz in die Ecke des Möbelstücks, um den größtmöglichen Abstand zu ihm herzustellen und sah mich um. Hoffentlich verlor dieser elende Zauber bald seine Wirkung.
Das Rascheln von Papier lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf Dracula und schlagartig ereilte mich die Erkenntnis, wo ich mich dann zurückverwandeln würde …
Ich war schon das ein oder andere Mal im Schloss gewesen, aber das hier schien einer der Privaträume zu sein. Über das wie wollte ich gar nicht erst nachdenken. Ich war ja für Gewöhnlich nicht prüde, aber womöglich plötzlich nackt ausgerechnet hier zu sitzen… Schnell verdrängte ich den Gedanken. Es war ein Zauber, kein Formwandeln im eigentlichen Sinn.
Mein Herz schlug schneller, wie konnte ich nur in solch eine Misere geraten. Aber es half nichts. Draußen brach bereits der Tag an, also hatte ich ohnehin keine andere Wahl, als zu bleiben.
Ich beobachtete Dracula, wie er konzentriert durch die Schriftstücke blätterte. Seine hatte er ausgezogen und auch seine Haltung war hier wesentlich entspannter. Nicht so streng und unnahbar wie sonst. Womöglich war das Ganze ja gar nicht so übel wie zunächst befürchtet. Eine solche Gelegenheit würde sich mir vermutlich nie wieder bieten und solange der Zauber anhielt…  was sollte schon passieren? Also rollte ich mich auf dem weichen Stoff zusammen und beobachtete ihn einfach weiter.
Nach einiger Zeit stand er auf, verschwand hinter dem Sofa und somit aus meinem Sichtfeld und kam kurz darauf mit einem gefüllten Kelch zurück. Als er sich wieder setzte, verirrte sich seine Hand in mein Fell und er begann mir über den Rücken zu streicheln, ohne mir sonst irgendwelche Beachtung zu schenken. Ein wohliger Schauer durchlief mich und ich hörte mich selbst zufrieden schnurren. Das war ganz und gar nicht so übel wie befürchtet.
An Schlaf war eigentlich nicht zu denken gewesen, aber irgendwann hatte ich doch für einen flüchtigen Moment die Augen zugemacht. Nur ganz kurz. Ich streckte mich, sah auf die große Standuhr. Nicht mehr als fünf… Stunden?
Ich blinzelte. Das war unmöglich.
Dann sah ich wieder zu Dracula und begegnete seinem Blick, mit dem er mich nachdenklich betrachtete. »Der Zauber hält lange. Mit welcher Hexe hast du dich da nur angelegt«, sagt er leise und mehr feststellend als fragend.
Bei der Nacht – er wusste es!
Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Nein, eher wie eine ganze Tracht Prügel.
Wie aus Reflex sprang ich auf und stürmte aus dem Raum. Ich irrte eine ganze Zeit durch das Labyrinth aus Gängen, bis ich endlich ein Schlupfloch aus dem Schloss nach draußen fand.
Wie sollte ich Dracula nach dieser Peinlichkeit je wieder in die Augen sehen können?
Gar nicht. In die Augen sehen war ja zuvor schon schwer genug, verhöhnten mich meine eigenen Gedanken. Ich zog in Erwägung, dem Clan den Rücken zu kehren und zukünftig einfach als Freigeist zu leben. Schutz hatte ich nicht nötig und gänzlich nach den eigenen Regeln zu spielen war immerhin nicht das schlechteste, oder?
Wer weiß, vielleicht blieb ich ja auch einfach eine Katze.
Ich rannte ziellos die schmalen Pfade im Gebirge entlang, bis meine Pfoten schmerzten und mir vor Erschöpfung die Augen zufielen.

***

Ich schreckte hoch und warf dabei mein Kissen und den Kelch der auf dem kleinen Beistelltisch direkt neben meiner Chaiselongue stand, auf den Boden.
„Meine Chaiselongue!“ stellte ich hoffnungsvoll fest. Ich war zuhause.
Prüfend tastete ich meinen Körper ab. Mit meinen Händen. Keine Pfoten, kein Fell.
Bei der Nacht – es war nur ein Traum gewesen!
Ein riesiger Albtraum, aber eben nicht mehr. Natürlich, warum hätte Dracula mich auch mit in seine Privaträume nehmen sollen.
Voller Erleichterung stand ich auf, hob den Kelch und das Kissen auf und – entdeckte einen kleines, schwarzes Fellbüschel. Für einen Moment erstarrte ich, schüttelte den erneuten Schock aber schnell ab, als ich eine bekannte tierische Aura in der Nähe des Hauses wahrnahm. Amicus. Von ihm war sicher auch das Fell sein. Ja, ganz sicher.

 

F.Drewes

Kreativ-chaotisch und manchmal ein bisschen (Schreib)verrückt. Mehr von F.Drewes gibt es Hier

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